„ADHS ist doch Hyperaktivität“ – oder: Erscheinungsbilder bei ADHS

Als Kind war ich nicht auffällig. Ich war kein „Zappelphillip“, hatte keinen übertriebenen Bewegungsdrang. Ich war mit meinen Schulaufgaben ein bißchen langsam, aber nicht, weil ich mich nicht zusammenreißen konnte oder weil ich den Stoff nicht verstand – ich war immer ein bißchen träumerisch, war auch schnell mal abgelenkt.

Wenn man jetzt ADHS mit Hyperaktivität gleichsetzt, dann hätte ich keins. Dennoch wurde bei mir mit 29 Jahren – als Erwachsener – ADHS festgestellt. Wie kann das hinhauen? Das Zauberwort sind die mit dem DSM-5 eingeführten ADHS-Erscheinungsbilder. Diese erkläre ich im Folgenden ein bißchen genauer.

Who Ya Calling Hyperactive? I'm not Hyperactive! What do you mean Hyperactive?

Als Kind war ich nicht auffällig. Ich war kein „Zappelphillip“, hatte keinen übertriebenen Bewegungsdrang. Ich war mit meinen Schulaufgaben ein bißchen langsam, aber nicht, weil ich mich nicht zusammenreißen konnte oder weil ich den Stoff nicht verstand – ich war immer ein bißchen träumerisch, war auch schnell mal abgelenkt.

Wenn man jetzt ADHS mit Hyperaktivität gleichsetzt, dann hätte ich keins. Dennoch wurde bei mir mit 29 Jahren – als Erwachsener – ADHS festgestellt. Wie kann das hinhauen?

Das Zauberwort sind die mit dem DSM-5 eingeführten ADHS-Erscheinungsbilder. Diese erkläre ich im Folgenden ein bißchen genauer.

Das vorwiegend hyperaktiv-impulsive Erscheinungsbild

Who Ya Calling Hyperactive? I'm not Hyperactive! What do you mean Hyperactive?

© Alan Levine - Flickr.com

Dieser Typ ist wohl der, an den man allgemein denkt, wenn man von ADHS hört. Deshalb muss ich das am deutlichsten hervor tretende Symptom kaum ansprechen: die Hyperaktivität.

Die betroffenen Kinder – aber auch Erwachsenen – sind oft schlicht und ergreifend motorisch unruhig und haben einen starken Bewegungsdrang. Dies kann sich darin äußern, dass Kinder häufig nicht still sitzen können und rumrennen oder überall rumklettern – Erwachsene haben in gewissem Maße gelernt, dass das Ausleben dieses Bewegungsdrangs nicht gut ankommt und versuchen ihn dementsprechend zu kontrollieren – auf Kosten einer inneren Unruhe, die zum Sich-getrieben-fühlen ausarten kann. Ebenso reden manche AHDS-Kinder und -Erwachsene oft viel – ein Versuch, mit dem Tempo der Gedanken mitzuhalten. Mit dieser inneren und/oder äußeren Unruhe fällt es schwer, sich still und ruhig Aktivitäten zu widmen.

Gleichzeitig fällt es ADHS-Kindern und -Erwachsenen mit Hyperaktivität schwer, Impulse zu kontrollieren. Oft geben sie ihnen ohne Nachdenken nach. Das äußert sich zum Beispiel in immenser Ungeduld, wenn sie mal auf etwas warten müssen. Auch Impulskäufe (vor Allem bei Erwachsenen) oder das wiederholte Unterbrechen eines Gesprächspartners gehören dazu. Zu guter Letzt haben Hyperaktive auch einen Hang dazu, ohne Nachdenken zu handeln – und müssen dementsprechend oft mit den Konsequenzen leben.

Wie man sieht sind diese Symptome alle sehr auffällig – was wohl auch der Grund dafür ist, dass ADHS und Hyperaktivität im Allgemeinen synonym gebraucht werden. Besonders Jungen sind vom hyperaktiven Erscheinungsbild betroffen, und die angegebenen Symptome führen oft schon früh zu Auffälligkeiten, die in der Regel den Beginn einer ADHS-Diagnostik darstellen.

Das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild

Verträumtes Mädchen

© Pezibear (Pixabay)

Das vorwiegend unaufmerksame Erscheinungsbild ist sozusagen der stille Bruder der Hyperaktivität. Hierbei spielt sich das Meiste im Kopf ab. Die Gedankenwelt und Phantasie eines unaufmerksam-verträumten ADHSlers ist unglaublich vielfältig und bunt – allerdings auch dementsprechend interessant. Dadurch ist das Gehirn oft mit den eigenen Gedanken und Ideen beschäftigt, so dass äußere Impulse manchmal gar nicht, in anderen Momenten nur schwach wahrgenommen werden. So erscheint der ADHSler dann oft so, als würde er nicht zuhören.

Auch andere Dinge, die eine konstante Aufmerksamkeit erfordern, sind von diesem Kopfchaos betroffen. So unterlaufen diesen ADHSlern oft Flüchtigkeitsfehler oder sie achten wenig auf Details – sie übersehen diese einfach, weil in Nullkommanix wieder ein Gedanke vorbeirast und die Aufmerksamkeit stiehlt. Aufgaben, die ein hohes Maß an Denken oder eine länger dauernde Aufmerksamkeit erfordern, fallen ihnen schwer – nicht weil sie vielleicht nicht intelligent genug wären, sondern weil sie im Grunde genommen permanent abgelenkt sind. Dementsprechend versuchen sie oft, solche Aufgaben zu vermeiden. Vergesslichkeit und die dazugehörigen Folgen – Unpünktlichkeit oder das Vergessen von Terminen, das Verlieren von Dingen und dergleichen – runden dieses Chaos ab.

Unaufmerksam-verträumte ADHSler sind wie gesagt im Grunde genommen permanent abgelenkt. Diese Ablenkung kommt aber nicht nur aus dem eigenen Kopf – auch ein am Fenster vorbei huschendes Eichhörnchen kann schon Impuls genug sein, die Aufmerksamkeit vom einen auf den Anderen Punkt schwenken zu lassen.

Wie weiter oben angesprochen spielt sich im Kopf eines unaufmerksam-verträumten ADHSlers oft ein wahres Feuerwerk an Ideen ab, und das in einer oft atemberaubenden Geschwindigkeit. Das muss aber nicht zwingend negativ sein – diese Kinder und Erwachsenen sind oft erstaunlich kreativ! Aus dem Bauch heraus würde ich sogar behaupten, dass viele bekannte Autoren, Künstler und Musiker von ADHS betroffen waren – was zeigt, dass ADHS nicht immer behandelt werden muss, doch dazu ein anderes Mal mehr.

Ein Nachteil dieser stillen ADHS-Variante ist aber, dass sie – wie es scheint – die Variante ist, die den Betroffenen heutzutage vor die größeren Schwierigkeiten stellt, aber gleichzeitig die, die oft einfach übersehen wird. Die Betroffenen fangen nicht selten an, einen Misserfolg nach dem Anderen zu sammeln, was im Laufe der Zeit ganz schön am Selbstwert nagt. Oft sind Depressionen oder sogar Suizid die Folge. Das Gros der Betroffenen bleibt oft lange hinter ihren eigenen Möglichkeiten (und oft auch hinter ihrem eigenen Anspruch) zurück – was sich erst mit der Diagnose und darauf folgenden Behandlung ändert. Aus diesem Grund werden unaufmerksame ADHSler in der Regel auch spät oder gar nicht diagnostiziert.

Gemischte Erscheinungsbilder

Die meiner Ansicht nach größte Gruppe Betroffener ist nicht Teil des einen oder des anderen Extrems. Bei ihnen liegen dann Mischformen vor – Teile der hyperaktiven sowie der unaufmerksamen Symptomatik. Hierbei gibt es kein bestimmtes Verteilungsmuster. Man kann sagen, wenn man einen ADHSler kennt, kennt man eben genau *einen* – ganz im Kontrast zum bekannten Sprichwort „Kennste einen, kennste alle“. Aus diesem Grund ist eine ADHS-Diagnostik auch so umfangreich und schwierig, weil sie sich – besonders bei Erwachsenen – weniger an klar definierten Fakten als vielmehr an der Lebens- und vor Allem Leidensgeschichte des ADHSlers orientiert.

Zu erwähnen ist noch, dass ein einmal diagnostiziertes Erscheinungsbild keineswegs „in Stein gemeißelt“ ist – im Gegenteil können verschiedene Symptome im Laufe der Zeit quasi verschwinden, andere hingegen werden stärker und führen zu neuen Herausforderungen. Besonders bei hyperaktiven Kindern findet im Laufe der Pubertät oft ein Wandel hin zur inneren Unruhe statt – die Grundlage für die noch weit verbreitete Annahme, ADHS würde sich im Erwachsenenalter „rauswachsen“.

Insgesamt lässt sich sagen, dass kein ADHSler im gleichen Maß an bestimmten Symptomen zu leiden hat wie ein anderer – es gibt ADHSler, die erstaunlich ordentlich und organisiert sind, ich bin beispielsweise erstaunlich pünktlich! ADHS ist bei jedem Betroffenen anders – es gibt viele Überschneidungen, aber keine zwei Erscheinungsformen sind dieselben.

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